Geschichte der deutsch-israelischen Wissenschaftskooperation

Ein halbes Jahrhundert nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel hat die Zusammenarbeit zwischen den beiden Staaten in Wissenschaft und Technologie eine Intensität erreicht, die in ihren Anfängen nicht vorauszusehen war.

Diese im Laufe der Zeit immer engere wissenschaftliche Kooperation hatte großen Anteil an der Normalisierung der politischen Beziehungen. Auf deutscher Seite stand zunächst das Motiv der Wiedergutmachung im Vordergrund. Heute besteht zwischen den beiden Hightechländern Israel und Deutschland eine gleichberechtigte Kooperation auf Augenhöhe.

Schon Chaim Weizmann (1874 – 1952), der erste Präsident des Staates Israel und zugleich erster Präsident des nach ihm benannten Weizmann Institute of Science (WIS), erkannte, dass die Intelligenz der „einzige Rohstoff ist, über den wir verfügen“. Er setzte sich daher schon 1902 für die Schaffung einer jüdischen Universität in Palästina ein, die 1925 mit dem Beginn des Lehrbetriebs an der Hebräischen Universität Jerusalem realisiert wurde. 1934 errichtete er den Vorläufer des WIS, das am Vorbild der deutschen Kaiser-Wilhelm-Institute orientierte Daniel-Sieff-Institut in Rehovot. Die Entwicklung dieser und weiterer hervorragender Wissenschaftsinstitutionen in Israel konnte sich nicht zuletzt auf die Einwanderung deutsch-jüdischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stützen, die in den 1930er Jahren aus Deutschland hatten fliehen müssen.

Vor 1933 spielten in der Wissenschaft in Deutschland und im gesamten deutschsprachigen Raum Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler deutsch-jüdischer Herkunft eine bedeutende und oft überragende Rolle. Die Verbrechen der Nationalsozialisten von 1933 bis 1945 setzten diesem erfolgreichen Wirken gewaltsam ein Ende. Die deutsche Wissenschaftsgemeinschaft hatte daher nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland den Wunsch, wieder an diese produktiven Zeiten vor 1933 anzuknüpfen und suchte die Zusammenarbeit mit früheren jüdischen Wissenschaftskolleginnen und -kollegen.

Seit Anfang der 1950er Jahre hatte es auf internationalen Konferenzen bereits vereinzelt Kontakte zwischen Deutschen und Israelis gegeben. Der Durchbruch gelang jedoch erst 1959 mit der Einladung einer Delegation der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) durch das WIS. Im Zuge dieser Kontaktaufnahme entstand die Möglichkeit, deutschen wissenschaftlichen Nachwuchs an einer hervorragenden Forschungseinrichtung im Ausland weiter zu qualifizieren, ohne ihn auf Dauer zu verlieren, so wie dies durch die Abwanderung junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in die USA seit den 1950er Jahren beobachtet wurde. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des WIS erhofften sich ihrerseits – wie später ihre Kolleginnen und Kollegen an den israelischen Universitäten – durch die Kooperation mit deutschen Forschenden den weiteren Ausbau der Forschungsinfrastruktur ihrer Einrichtungen.

Der Kontakt zwischen der MPG und dem WIS war der Beginn einer kontinuierlichen und im Laufe der Jahre immer fester werdenden wissenschaftlichen Zusammenarbeit beider Länder. Der 1964 geschlossene Minerva-Vertrag sicherte die Kooperation zwischen den beiden großen Forschungseinrichtungen endgültig ab.

Der 12. Mai 1965 markiert ein historisches Datum in der Geschichte zwischen Deutschland und Israel: Der Staat Israel und die Bundesrepublik Deutschland nahmen an diesem Tag diplomatische Beziehungen auf. Wissenschaftliche Kooperation gab es schon vorher. Seither sind die Kontakte zwischen Institutionen und den beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern beständig enger geworden.

In den 1970er Jahren wurde die interministerielle Kooperation aufgenommen und immer weiter vertieft: Die deutsch-israelische Forschungszusammenarbeit zwischen dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und dem israelischen Ministerium für Wissenschaft, Technologie und Raumfahrt (MOST) basiert auf einer Vereinbarung von 1973. Seit dem Jahr 2000 wurde diese interministerielle Kooperation auf bilaterale Industriekooperationen ausgeweitet, die sich auf eine Vereinbarung zwischen dem BMBF und dem israelischen Ministerium für Industrie, Handel und Arbeit (MOITAL, seit 2013 Ministerium für Wirtschaft) stützen.

Auf dem Gebiet der Grundlagen- und angewandten Forschung fördert seit 1986 die Deutsch-Israelische Stiftung für Wissenschaftliche Forschung und Entwicklung (GIF) Kooperationsvorhaben. Im Jahr 2000 wurde ein Programm für den Forschungsnachwuchs etabliert. 1996 entwickelte das BMBF das Exzellenzprogramm Deutsch-Israelische Projektkooperation (DIP) zur Förderung deutsch-israelischer Forschungsteams, das seit 2008 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) administriert wird. Zur Zusammenarbeit in den Geistes- und Sozialwissenschaften trägt der Stiftungsfond der Martin-Buber-Gesellschaft seit 2010 durch Stipendien bei. Die Förderorganisationen DAAD und Alexander von Humboldt-Stiftung (AvH) engagieren sich seit Jahrzehnten für die Förderung wissenschaftlicher Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern.

Nachhaltige Impulse erhielten die Forschungsbeziehungen 2008 durch das Deutsch-Israelische Wissenschaftsjahr und die seitdem jährlich stattfindenden Regierungskonsultationen. Zur weiteren Intensivierung der Zusammenarbeit wurde 2011 erstmals das Deutsch-Israelische Forschungsforum veranstaltet. Im selben Jahr schlossen BMBF und MOITAL ein Regierungsabkommen zu industriegeführter Forschung und Entwicklung sowie zu beruflicher Aus- und Weiterbildung.

Als assoziiertes Mitglied der EU ist Israel seit 1996 an der EU-Forschungsförderung beteiligt. Unternehmen und Forschungsinstitutionen erhielten seit dem 4. Forschungsrahmenprogramm Förderungen und kooperieren nun im aktuellen Siebenjahresprogramm Horizon 2020, das von 2014 bis 2020 läuft.

Die Geschichte der Wissenschaftsbeziehungen beleuchtet auch ein Gespräch mit Dan Diner, Yfaat Weiss und Norbert Frei.

Weitere ausführliche Informationen finden sich auf der Internetseite zum Jubiläum 50 Jahre diplomatische Beziehungen Deutschland-Israel.