
Am 11. und 12. November 2025 veranstaltete die Wiener Library in Zusammenarbeit mit dem Minerva-Institut für Deutsche Geschichte einen internationalen Forschungsworkshop zum Thema „Antisemitismus, Rassismus, Rechtsextremismus: Wie aktuelle Ereignisse das historische Verständnis beeinflussen und umgekehrt“. In einem der Vorträge beschäftigte sich Anne Rethmann mit dem österreichisch-jüdischer Rechtswissenschaftler Franz Rudolf Bienenfeld.
Autorin: Anne Rethmann
Franz Rudolf Bienenfeld (1886–1961) war ein österreichisch-jüdischer Rechtswissenschaftler und Anwalt, der später zu einem führenden Mitglied des Jüdischen Weltkongresses in London wurde. Im November 1937, nur wenige Monate vor der Annexion Österreichs durch Nazi-Deutschland, hielt er vor der Gesellschaft für Soziologie und Anthropologie der Juden in Wien einen Vortrag mit dem Titel „“.
In diesem bemerkenswerten Text untersucht Bienenfeld, wie das ethische und intellektuelle Erbe des Judentums die moderne säkulare jüdische Identität weiterhin prägte. Er argumentiert, dass Ideen wie Gerechtigkeit, Vernunft und menschliche Solidarität eine Art „Religion ohne Religion“ darstellen – die unbewusste Fortsetzung des jüdischen moralischen Denkens, das sowohl den säkularen Juden als auch die Moderne selbst prägt. Seine Vision ist keine nostalgische Verteidigung des Glaubens, sondern ein Appell, die moralische Universalität in einer Zeit wachsenden Hasses und zunehmender Desintegration zu bewahren.
Als Bienenfeld die Juden dazu aufforderte, Bündnisse mit Nichtjuden zu schließen, die dieselben humanistischen Werte teilten, sprach er nicht als Idealist. Sein Aufruf war ein Plädoyer für Solidarität in einer Zeit, in der der europäische Humanismus zusammenbrach. Der Vortrag liest sich daher sowohl als kulturelle Diagnose als auch als moralischer Appell – als letzter Versuch, die ethischen Grundlagen der Aufklärung am Vorabend ihrer Zerstörung zu erhalten.
Aus seinem Exil in London griff Bienenfeld 1944 erneut auf den Aufsatz zurück, ließ ihn unverändert, fügte jedoch ein Vorwort hinzu, in dem er seine frühere Hoffnung durch die Erfahrung der Vernichtung neu formulierte. Zu diesem Zeitpunkt war die Shoah bereits weithin bekannt, obwohl das Nazi-Regime noch nicht besiegt war. Im Rückblick auf seinen Vortrag von 1937 erkannte er, dass humanistische Überzeugungen allein sich als machtlos gegenüber der totalen Zerstörung erwiesen hatten. Die Aufgabe bestand nicht darin, das Verlorene wiederherzustellen, sondern den Humanismus in Recht und politischen Institutionen zu verankern – und ihn notfalls mit Gewalt zu verteidigen.
Wenn man Bienenfeld heute liest, begegnet man einem Denker, der an der Schwelle zwischen der Aufklärung und ihrem Untergang steht. Er zieht sich weder in religiösen Traditionalismus zurück, noch gibt er den Glauben an die Vernunft auf. Stattdessen definiert er das jüdische Erbe neu als Teil des moralischen Gewissens eines zerrütteten Europas – eine Erinnerung daran, dass das, was der Antisemit als Makel der Juden bezeichnet, in Wirklichkeit die eigentliche Bedingung des Menschseins sein könnte. Sein Vortrag von 1937 enthielt bereits die Keime seines späteren Engagements – für den Zionismus, für die Menschenrechte und für die politischen Institutionen, die seine Arbeit beim Jüdischen Weltkongress prägen sollten. Was als moralischer und intellektueller Appell begann, verwandelte sich in politisches Engagement: von moralischer Argumentation zu institutioneller Verteidigung, von Humanismus als Überzeugung zu Humanismus als Gesetz.
Hintergrund und Download
Anne Rethmann ist Postdoktorandin an der Martin Buber Society of Fellows in the Humanities and Social Sciences an der Hebräischen Universität Jerusalem. Ihr Vortrag über Franz R. Bienenfeld wurde am 11. November 2025 in der Wiener Library im Rahmen des Minerva-Wiener-Forschungsworkshops mit dem Titel „Antisemitismus, Rassismus, Rechtsradikalismus: Wie aktuelle Ereignisse das historische Verständnis beeinflussen und umgekehrt“ gehalten.
Bienenfelds Buch „Die Religion der nichtreligiösen Juden” befindet sich in der Original-Wiener-Sammlung und ist im Rahmen des Digitalisierungsprojekts der Wiener Library online verfügbar. Es kann hier abgerufen werden.
Quelle: Wiener Library