Projekt untersucht ethische Herausforderungen der digitalen Gesundheitsversorgung

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Ein niedersächsisch-israelisches Forschungsprojekt unter Leitung der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) untersucht die Auswirkungen der zunehmenden Digitalisierung im medizinischen Versorgungsalltag. Insbesondere ethische Herausforderungen im Umgang mit digitalen Anwendungen wie der elektronischen Patientenakte oder künstlichen Intelligenz sollen in Deutschland und Israel beleuchtet werden. Das Projekt wird vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur und der VolkswagenStiftung mit mehr als 520.000 Euro für vier Jahre gefördert.

Die Digitalisierung verändert zunehmend das Gesundheitswesen. Anwendungen wie die elektronische Patientenakte, künstliche Intelligenz, Apps und Chatbots, die menschliche Konversation simulieren und Nutzerinnenanfragen beantworten, nehmen zu. Neue digitale Gesundheitsrichtlinien versuchen ethische Rahmenbedingungen zu schaffen, um Chancen und Risiken in Einklang zu bringen. Wie sich die Digitalisierung konkret auf den Arbeitsalltag von Mitarbeitenden im Gesundheitswesen oder auf Patientinnen auswirkt und welche Probleme daraus entstehen können, ist bisher noch weitgehend unbekannt.

In einem internationalen Kooperationsprojekt unter Leitung von Prof. Dr. Silke Schicktanz, Direktorin des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin der Universitätsmedizin Göttingen (UMG), in Kooperation mit der Leibniz Universität Hannover und der Ben-Gurion University of the Negev in Israel untersuchen die Forschenden gemeinsam, wie die neuen digitalen Anwendungen rechtlich und ethisch reguliert werden und wie diese Vorgaben von Interessengruppen aus dem Gesundheitswesen, der Politik und der allgemeinen Bevölkerung in Deutschland und Israel bewertet werden. Das Projekt „Ethische Herausforderungen von digitaler Gesundheitsversorgung: Ansichten von Interessengruppen und der Öffentlichkeit in Deutschland und Israel“ wird vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur und der VolkswagenStiftung mit mehr als 520.000 Euro für vier Jahre gefördert.

„Der Einsatz von KI, Apps und Chatbots in der Medizin schreitet in Deutschland rasch voran und es gibt zahlreiche Vorschriften, wie Datenschutz und Vorgaben der Europäischen Union für ihre Verwendung. Israel ist in diesem Bereich ganz anders aufgestellt: Die Elektronische Patientenakte gibt es schon länger und israelische Patient*innendaten stehen der Forschung und Industrie generell zur Verfügung. KI-Anwendungen sollen dort erst reguliert werden, nachdem man Praxiserfahrungen gesammelt hat und nicht vor deren Einführung. Durch den Vergleich erhoffen wir uns wichtige Einsichten, wie und wo man bei uns noch nachjustieren muss“, sagt Prof. Schicktanz.

Projektschwerpunkte und Beteiligte

Seitens der UMG übernimmt Prof. Schicktanz im Projekt die umfangreichen Interviewstudien mit Betroffenen und Interessensvertretungen, die Auswertung der Interviewergebnisse und deren Überführung in politische Handlungsempfehlungen. Die Interviews sollen Aufschluss über die Haltung der einzelnen Interessengruppen gegenüber den Regulationsvorschriften zur Datenerhebung und KI-Nutzung geben und ihre bisherigen Erfahrungen mit diesen Vorschriften aufzeigen. Ziel ist es, mögliche Probleme zu identifizieren, die aktuell in der Praxis bestehen. Zudem wird die UMG eine länderübergreifende Online-Ausstellung organisieren, die über das Internet zugänglich sein wird, um die Öffentlichkeit über das Thema zu informieren.

Prof. Dr. Christoph Hönnige, Professor für Politikwissenschaften an der Leibniz Universität Hannover, führt die vergleichende Analyse von politischen- und Regulierungsvorgaben durch, um deren Umsetzung und Akzeptanz bei verschiedenen Interessensvertretungen zu prüfen. Zudem koordiniert er gemeinsam mit den israelischen Partnern eine parallel durchgeführte Bevölkerungsbefragung und wertet die Ergebnisse statistisch aus. In der Befragung wird die Haltung der Öffentlichkeit zu Kontroll- und Regulationsmechanismen der KI-Entwicklung und Datennutzung für Forschung und Industrie erhoben. Die Auswahl der befragten Personen erfolgt nach wissenschaftlichen Methoden, wie man sie von Wahlbefragungen kennt und wird von speziellen Agenturen übernommen.

Die befragten Interessengruppen im Projekt umfassen Ärztinnen, Entwicklerinnen, politische Entscheidungsträgerinnen, Patientinnen und die allgemeine Bevölkerung.

Die Koordination auf israelischer Seite übernimmt der Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Aviad Raz aus dem Fachbereich Soziologie und Bioethik der Ben-Gurion University of the Negev, unterstützt von der der Medizinanthropologin Dr. Clemence Pinel. Zudem ist der Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Hagai Boas, Leiter der Abteilung Wissenschaft, Technik und Gesellschaft am Van Leer Jerusalem Institute beteiligt bei der israelischen Datenerhebung und Online-Ausstellungskonzeption.

Ausblick

Zukünftig sollen noch weitere Länder in die Studie einbezogen werden und insbesondere die Rolle des „European Health Data Space“ (zu Deutsch: Europäischer Gesundheitsdatenraum) untersucht werden. Der Europäische Gesundheitsdatenraum ist ein Programm, um Gesundheitsdaten für die europaweite Forschung und Auswertung zugänglich zu machen.

Das Projekt greift damit die EU-Strategie „Digitales Jahrzehnt 2030“ auf, die sich zum Ziel gesetzt hat, die digitale Infrastruktur zu verbessern, digitale Kompetenzen zu fördern und den digitalen Wandel zu beschleunigen. Im Rahmen des Programms wird gefordert, private und öffentliche Interessengruppen einzubeziehen, um die besten Wege für die Regulation einer transparenten und offenen digitalen Umgebung zu finden. Das Projekt hat zudem das Ziel, die demokratische, wissensinformierte Politikgestaltung zu unterstützen.

Ansprechpartnerin Fachbereich

Prof. Dr. Silke Schicktanz, Institut für Ethik und Geschichte der Medizin, Universitätsmedizin Göttingen, E-Mail senden

Quelle: Universitätsmedizin Göttingen