
Viele Medienschaffende in Deutschland erleben ihre Arbeit bei der Berichterstattung über den Nahostkonflikt als eingeschränkt. Das ist das Ergebnis einer neuen Befragung der Freien Universität Berlin. Zwei Drittel der befragten Journalistinnen und Journalisten gaben an, dass sich die Pressefreiheit in diesem Themenfeld seit dem 7. Oktober 2023 verschlechtert habe. Fast drei Viertel nehmen eine gestiegene Bedrohungslage wahr. Nicht nur äußerer Druck, sondern auch Konflikte und Hierarchien innerhalb von Redaktionen spielen aus Sicht der Befragten eine wichtige Rolle.
Für die Studie befragten die FU-Kommunikationswissenschaftlerin Prof. Dr. Carola Richter, der FU-Konfliktforscher Dr. Jannis Julien Grimm und die Konfliktforscherin Nina Moya Schreieder vom INTERACT Zentrum für interdisziplinäre Friedens- und Konfliktforschung im Mai und Juni 2026 Journalistinnen und Journalisten, die für deutsche Medien zur Nahost-Region und damit verbundenen Themen berichten. Die Planung der Studie wurde von Reporter ohne Grenzen e. V. unterstützt. Von fast 600 systematisch ausgewählten Medienschaffenden nahmen rund 30 Prozent an der anonymen Online-Befragung teil – eine vergleichsweise hohe Rücklaufquote. „Offensichtlich gab es ein großes Bedürfnis bei mit dem Thema befassten Journalist*innen, sich zu äußern“, sagt Prof. Dr. Carola Richter.
Die Ergebnisse sind aufgrund möglicher Selbstselektion nicht repräsentativ für den deutschen Journalismus insgesamt, betonen die Forschenden, sie liefern jedoch erstmals belastbare Daten zum empfundenen Druck in der Nahostberichterstattung und geben Auskunft über ein Problemfeld, das bis dato ausschließlich qualitativ untersucht wurde. Entsprechend besorgniserregend erweisen sich die Ergebnisse der Studie: 35 Prozent der Befragten geben an, beim Themenkomplex Nahost ein Bedürfnis nach Selbstzensur zu verspüren, weitere 19 Prozent antworten mit „teils/teils“. Besonders ausgeprägt ist dieses Bedürfnis mit 52 Prozent unter freien Journalistinnen und Journalisten sowie unter Medienschaffenden mit Migrationsgeschichte (47 Prozent).
Als Gründe nennen die Befragten unter anderem Sorge um öffentliche Anfeindungen, mögliche Missverständnisse, aber vor allem auch erwartete berufliche Nachteile. Immerhin 71 Prozent der Befragten haben eigene Bedrohungserfahrungen im Zusammenhang mit der Nahostberichterstattung gemacht. „Es sind dabei auch ein stellenweise toxisches Diskursklima in Redaktionen sowie zwischen Medienschaffenden mit unterschiedlicher politischer Linie, die als Auslöser für Selbstzensur gelten können. Dieses Fehlen innerer Pressefreiheit halten wir für bedenklich“, so Carola Richter.
Zugleich lassen sich die Haltungen der Befragten nicht auf ein Für oder Wider mit einer Konfliktpartei reduzieren, sondern zeigen eine breite Verankerung in Rechtsstaatsprinzipien: 92 Prozent befürworten eine klare Positionierung von Medien bei Menschenrechtsverletzungen. Breite Zustimmung finden sowohl der Schutz jüdischen Lebens als auch ein Waffenstillstand in Gaza.
Forschende sehen Handlungsbedarf in den Redaktionen
Aus den Ergebnissen leiten die Autorinnen und der Autor der Studie mehrere Empfehlungen für Medienunternehmen und Redaktionen ab. „Redaktionelle Entscheidungen über Themen, Quellen und Formulierungen sollten fachlich begründet und nachvollziehbar sein. Journalist*innen müssen Entscheidungen hinterfragen können, ohne berufliche Nachteile befürchten zu müssen. Externe Interventionen sollten intern dokumentiert werden, damit ihre mögliche Wirkung auf redaktionelle Entscheidungen erkennbar bleibt“, betont Dr. Jannis Grimm.
Zudem empfehlen die Forschenden bessere Unterstützungsangebote für Medienschaffende, die von Bedrohungen und Diffamierungen betroffen sind. Gerade freie Journalistinnen und Journalisten und solche mit Migrationsgeschichte sollten Zugang zu vertraulichen Anlaufstellen sowie rechtlicher und psychosozialer Unterstützung erhalten.
Die Forschenden betonen zugleich die Grenzen ihrer Untersuchung. Die gemessenen subjektiven Einschätzungen erlauben keine repräsentativen Aussagen über den gesamten deutschen Journalismus. Auch lasse sich aus den Daten nicht ableiten, dass bestimmte Beschäftigungsverhältnisse oder andere Merkmale Selbstzensur verursachen. Die Studie bietet jedoch wichtige Anhaltspunkte dafür, an welchen Stellen weitere Forschung zur inneren Pressefreiheit und zu redaktionellen Entscheidungsprozessen ansetzen könne.
Quelle: FU Berlin | Weitere Informationen: Interview mit Carola Richter und Jannis Grimm